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TG Bad Waldsee nach 3:1 über den VfL Sindelfingen unangefochtener Spitzenreiter

Von Franz Vogel

Mit einem 3:1 (25:19, 23:25, 32:30, 25:22) Heimsieg über den alten und neuen Tabellenzweiten VfL Sindelfingen festigte die TG Bad Waldsee ihren Spitzenplatz in der Volleyballoberliga. Es hätte eine glanzvolle Werbung für die Sportart Volleyball im Allgemeinen und der Volleyballkultur in Bad Waldsee im Besonderen werden können. Wäre da nicht der Missklang nach gut zwei Stunden Spielzeit gewesen.

Beim Stand von 23:22 im vierten Satz für die Platzherren brachte eine durch ein Missverständnis der Referees herbeigeführte unklare Spielsituation der TG einen weiteren Punkt zum 24:22. Die allzu heftigen und beleidigenden Proteste des Sindelfinger Trainers ahndete der erste Schiedsrichter regelkonform mit einer roten Karte. Diese hat im Volleyball einen Punktgewinn des Gegners zur Folge. Der fällige Matchball geriet dadurch zu einer Entscheidung am Schiedsrichtertisch. Großer Jubel bei der TG, ungläubiges Staunen bei den Fans. 25:22 und Matchwinner TG.

Vorangegangen waren 123 Minuten eines hochklassigen und dramatischen Duells zweier Teams auf Augenhöhe. Die mit zwölf Spielern in voller Kampfstärke angereisten Gäste aus dem Stuttgarter Ballungsraum waren begleitet von einem lautstarken Aufgebot an Schlachtenbummlern. Erstmals konnte man vor der Sporthalle der Eugen-Bolz-Schule einen leibhaftigen Reisebus einer Gastmannschaft vorfinden. Doch auch die einheimischen Fans hatten sich in großer Zahl eingefunden, am Ende verzeichneten die Gastgeber einen Rekordbesuch von über 150 Zuschauern. Somit war auch auf den Rängen ein echter Wettbewerb zur Unterstützung beider Kontrahenten entstanden. Diese zeigten sich des außergewöhnlichen Szenarios würdig und boten Volleyball in seinen attraktivsten Erscheinungsformen.

Hinsichtlich des Spielaufbaus und der Angriffseffizienz standen sich beide Teams in nichts nach. Ungemein aufschlagstark präsentierte sich der VfL, was in gewissen Phasen zu Annahmeschwächen seitens der TG führte. Immer wieder setzte es lange Aufschlagsserien der Gäste, so wie im von der TG verlorenen zweiten Durchgang, wie auch im Mittelteil des ominösen und vorentscheidenden dritten Satzes.

Demgegenüber verstand es die TG sowohl im Aufschlag, wie auch im exzellenten Blockverhalten den Gegner unter Druck zu setzen. Gerade die Blockarbeit hatte Trainerin Evi Müllerschön den ihren in der vergangenen Woche intensiv geübt, was über weite Phasen reiche Früchte zeitigte. „Ich freue mich auf die heutige Herausforderung, jetzt können wir zeigen, was wir wirklich können“, hatte Evi Müllerschön vor dem Match zu Protokoll gegeben. Es entwickelte sich für beide Mannschaften denn auch ein überaus harter Schlagabtausch, würdig der exponierten Tabellensituation beider Protagonisten.

Den besseren Start legten die Gastgeber mit furioser Geschwindigkeit aufs Parkett und ehe sich die Gäste im Spiel fanden, hatte sich der Abstand derartig vergrößert, dass an ein Aufholen nicht mehr zu denken war. Postwendend gestaltete der VfL die Retourkutsche. Als sei der Angriffswirbel der TG ein Strohfeuer gewesen, zogen die Gäste in Ruhe und Abgeklärtheit ihre Bahn im nächsten Spielteil. Freilich gegen Satzende stark abgebremst durch eine wieder erwachte Heimmannschaft.

Falls überhaupt ein augenscheinlicher Unterschied beider Mannschaften zu verzeichnen war, betrifft dies deren mentale Stärke, eine Eigenschaft, die die Männer um Jan Herkommer in diversen letzten Spielen beeindruckend an den Tag legten. So setzte es nach den beiden unterschiedlich gelaufenen Spielabschnitten einen dritten Durchgang, wie man ihn nicht alle Tage erlebt. Ab 23:24 aus Waldseer Sicht gönnte sich der VfL das Privileg, ganze sieben Satzbälle nicht zu verwandeln. Es gehört nicht viel Phantasie her, zu erahnen, was ein verlorener dritter Satz seitens der TG für den weiteren Spielverlauf bedeutet hätte. So aber nahm sich Zuspieler Simon Scheerer, der an diesem Tag seine Aufgabe alleine zu erledigen hatte, ein Herz und riskierte beim Stand von sage und schreibe 30:30 einen platzierten, überaus harten Sprungaufschlag zum 31:30. Üblicherweise wird bei einem Satzball anschließend eine weniger risikobehaftete Variante gewählt. Nicht so Scheerer, dem das Kunststück ein weiteres Mal gelang. Das zweite Aufschlagsass in Folge krachte dabei fast auf den Zentimeter genau an die Stelle des Vorigen. Aufatmen beim TG-Anhang.

Nicht viele Mannschaften existieren, die einen derartigen Satzverlauf mental verkraften können. Und so hatte auch die Sindelfinger Truppe zunächst alle Mühe, in Teil vier des Dramas wieder auf die Füße zu kommen. Schnell gerieten die Gäste bis zu sieben Punkte in Rückstand, weil sich die TG Annahme mit Jan Herkommer, Hannes Lampert und Libero Pascal Eisele sehr stabil zeigte und damit Zuspieler Scherer immer wieder ein erfolgreiches Aufbauspiel ermöglichte. Blockstark zeigten sich Christian Romstedt, Simon Bergmann und Ralf Sauerbrey, während im Angriffsspiel Pirmin Dewor einen seiner besten Tage erwischt hatte.

Im letzten Satzdrittel jedoch stellten die Gäste ihre Qualitäten nachhaltig unter Beweis. Endlich hatten sie den Schock des dritten Satzes aus den Knochen geschüttelt, gaben keinen auch noch so unmöglichen Ball verloren und kämpften sich mit dem Mut der Verzweiflung nahe an die TG heran. Plötzlich stand das Spiel wieder auf des Messers Schneide, fast unerträglich legte sich Spannung über das Spielfeld.

Bis zur besagten Szene. Groß der Frust auf Gästeseite ob dieser letztlich etwas unglücklichen Schlussphase. Leider verwehrte am Ende der Gästecoach den sportlichen Handschlag mit Evi Müllerschön, ein negatives Novum in der Waldseer Halle.

Andererseits kann die TG von sich behaupten, die Reifeprüfung gegen einen überaus starken Gegner zunächst bestanden zu haben. Die TG ist nun Herbstmeister, eine überaus schwere Rückrunde mit sehr harten Auswärtsspielen steht an. Evi Müllerschön weiß was anliegt: „Unsere Annahme muss noch sicherer werden, sonst gerät das Rückspiel in Sindelfingen zur unlösbaren Aufgabe. Meine Mannschaft hat aber tatsächlich gezeigt, was sie kann. Reifeprüfung eben.“

Das TG-Aufgebot: Herkommer, Lampert, Niedermaier, Scheerer, Romer, Dewor, Sauerbrey, Bergmann, Romstedt, Breyer, Eisele.